Zwischen Turbo-Kapitalismus und Überfluss – Alternativen zu Beschleunigung und Wachstum

Eine gemeinsame Veranstaltungsreihe der Volkshochschule Darmstadt, der Ev. Erwachsenenbildung Darmstadt, des Katholischen Bildungszentrums nr 30, des DGB Stadtverbands Darmstadt, des AStA der Ev. Fachhochschule und des AStA der Hochschule Darmstadt.

Kaum ein Phänomen kennzeichnet den Zeitgeist so gut wie das Bild von der rasant beschleunigten Gesellschaft: Schnelligkeit, Hektik und Hast in allen Lebensbereichen sind zum Selbstzweck geworden. Schon Georg Simmel schrieb vor 100 Jahren übers Tempo der Großstadt, die uns kollektive Nervosität beschert. Und der Zeitforscher Hartmut Rosa formuliert heute die Frage zum großen Rätsel der Moderne: Warum haben wir keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen? Rosas Credo: „Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass das Problem bei der Beschleunigung die Entfremdung ist.“ Das Tempo der Beschleunigung hat sich verselbständigt. Der Wahn, alles ins Unermessliche zu steigern, erzeugt immer neue Beschleunigungswellen. „Die Steigerungsraten liegen konstant über den Beschleunigungsraten und das führt dazu, dass die Zeit knapp wird.“ (Hartmut Rosa)

Längst greift der Terror der Ökonomie in Bereiche ein, in denen er nichts verloren hat, etwa die Bildung. Viele klagen über die Auswüchse des Turbo-Kapitalismus und der Überfluss-Gesellschaft, ahnen, dass weniger mehr wäre, hoffen auf Auswege aus dem Hamsterrad der Beschleunigungsfalle. Grund genug für eine Bestandsaufnahme und für die Frage: Gibt es Alternativen zu Beschleunigung und Wachstum? Die Kernfragen lauten: Ist das die Gesellschaft, in der wir leben wollen? Wie sieht eigentlich gutes Leben aus? Wenn Beschleunigung das Problem ist, ist dann (mehr) Resonanz vielleicht die Lösung?

  • Flyer der Veranstaltungsreihe (pdf)

Der Arbeit ein gesundes Maß geben

Die sich ständig wandelnde globalisierte Arbeitswelt fordert uns. Überstunden sind normal, Zeitdruck ist allgegenwärtig, zeitliche Flexibilität ist selbstverständlich. Auch unsere Freizeit ist eng getaktet und organisiert. Welche Auswirkungen hat solch ein Lebens- und Arbeitsstil auf unsere Gesundheit? Wie viel Stress halten wir aus? Wie wichtig sind Ruhezeiten für uns? Und: Welches Maß für die Arbeit ist gesund für uns persönlich und für unsere Gesellschaft? Der Arbeitsmediziner Dr. Michael Vollmer entwirft in seinem Vortrag ein Bild der heutigen Arbeitswelt und geht diesen Fragen aus medizinischer Sicht nach.

Entschleunigung - Befreiung vom Hamsterrad

Wir leiden an der Beschleunigungskrankheit. Menschen spüren, wie ihr Körper und ihre Psyche, wie Partnerschaften, Familien und soziale Netze im Hamsterrad Schaden erleiden. Wenn Erwachsene unter der Last der täglichen Anforderungen
zusammenbrechen, wenn Kinder und Jugendliche ausrasten, aber auch wenn Flüsse regelmäßig über die Ufer treten, dann sind das Alarmsignale eines falschen Umgangs mit Zeit. Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Fritz Reheis sucht deshalb nach neuen Maßen für den Umgang mit Zeit, die Ökologie der Zeit ist sein Stichwort. Sie gibt Auskunft über Eigenzeiten und Rhythmen, ohne die nachhaltiges Leben nicht möglich ist. Entschleunigung ist dabei nicht mit Verzicht verbunden. Vielmehr gilt es, Kraft und Vielfalt der klugen Lust zu entdecken.

In Kooperation mit der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft.

Wem gehört die Zeit? Mein Leben zwischen der Sehnsucht nach Selbstbestimmung und den Zeiträubern

Das Gebot der Ruhe hat eine lange Tradition. In unserer heutigen Zeit scheint es fast fehl am Platz zu sein und wird oft nur unter ökonomischen Gesichtspunkten diskutiert. Wirtschaftliche Erfordernisse geben in diesen Diskussionen den Ausschlag, andere Ansichten werden kaum gehört.

Prof. Dr. Franz Segbers wird die Bedeutung der Ruhe für eine Gesellschaft aus theologischer und sozialethischer Sicht erläutern. Er wird einen weiten Bogen spannen: Von alttestamentlichen Traditionen bis hin zu aktuellen Diskussionen um den freien Sonntag.

Stadt Land Überfluss - Warum wir weniger brauchen als wir haben

Willkommen im Turbo-Kapitalismus: Immer mehr? Immer besser? Immer schneller? Das Rennen ohne Ziellinie, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche macht krank.  Aber es geht auch anders: Der in Darmstadt geborene SPIEGEL-Journalist und Buchautor Jörg Schindler erzählt von Menschen, denen es nicht um Profit geht, deren Ziel nicht Wachstum um jeden Preis ist. Durch ein bewusstes Weniger ergeben sich ein Gewinn an Lebensqualität, mehr Zeit und Zufriedenheit.

Schindlers spannende Geschichten aus unserem Land des Überflusses sind Anstiftungen zum radikalen Umdenken: Zu einer neuen Gesellschaftsdebatte über den Konsum- und Wachstumswahn im Zeitalter des Turbo-Kapitalismus.

Wenn weniger mehr ist - Der Weg in die Postwachstumsökonomie

Der Klimawandel, Schuldenkrisen, die Verknappung jener Ressourcen, auf deren kostengünstiger Verfügbarkeit das industrielle Wohlstandsmodell bislang basierte, sowie Befunde der Glücksforschung zeigen: Die Wachstumsparty ist vorbei.

Folglich sind die Möglichkeiten einer Postwachstumsökonomie auszuloten. Ein prägnanter Rückbau geldbasierter Versorgungssysteme ist vonnöten. Geringer Rohstoff- und Energieverbrauch, moderne Subsistenz (Selbstversorgung) und kürzere Versorgungsketten werden in Zukunft wichtige Gestaltungsoptionen des 21. Jahrhunderts sein. Zudem ist die Postwachstumsökonomie durch Sesshaftigkeit gekennzeichnet, also durch Glück ohne Kerosin.

Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Film und Filmgespräch mit dem Filmemacher Florian Opitz

In seinem Kinodokumentarfilm begibt sich der Filmemacher und Autor Florian Opitz auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Wo ist die Zeit geblieben, die wir mühsam mit den neuen Technologien und Effizienzmodellen eingespart haben? Opitz begegnet Menschen, die die Beschleunigung vorantreiben und solchen, die Alternativen zur allgegenwärtigen Rastlosigkeit leben. Er befragt Zeitmanagement-Experten, Therapeuten und Wissenschaftler nach Ursachen und Auswirkungen der chronischen Zeitnot. Er trifft Unternehmensberater und internationale Finanzakteure, die an der Zeitschraube drehen. Und er lernt Menschen kennen, die aus privaten Zwängen ausgestiegen sind und solche, die nach gesellschaftlichen Alternativen suchen. Auf seiner Suche entdeckt er: Ein  anderes Tempo ist möglich, wir müssen es nur wollen.

In Kooperation mit Citydome Darmstadt GmbH & Co. KG, programmkinorex.

Abstiegsgesellschaft - Pegida als Produkt einer nervösen Gesellschaft?

Aus der Gesellschaft des sozialen Aufstiegs ist eine Gesellschaft des Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung geworden. Die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs war eines der zentralen Versprechen der »alten« Bundesrepublik – und tatsächlich wurde es meistens eingelöst. Mittlerweile ist der gesellschaftliche Fahrstuhl stecken geblieben: Uniabschlüsse bedeuten nicht mehr automatisch Status und Sicherheit, Arbeitnehmer bekommen immer weniger ab vom großen Kuchen. Sind rechtspopulistische Bewegungen wie "Pegida" Produkt der nervösen Abstiegsgesellschaft?

Oliver Nachtwey nimmt die Ursachen dieses Bruchs in den Blick, befasst sich mit dem Konfliktpotenzial, das dadurch entsteht: Selbst wenn Deutschland bislang relativ glimpflich durch die Krise gekommen sein mag, könnten auch hierzulande bald soziale Konflikte auf uns zukommen, die heute bereits die Gesellschaften Südeuropas erschüttern.