Ringvorlesungen im Wintersemester 12/13

Ab dem 21.11.12 starten die gemeinsamen Ringvorlesungen der ASten der TUD und h_da zu dem Thema "Nachhaltigkeit – Leere Hülle oder zukunftsweisendes Konzept?"

"Nachhaltigkeit" scheint das neue Trendwort des Jahrzehnts zu sein: Nachhaltiges Essen, nachhaltige Energie, nachhaltiger Konsum. Auch die Industrie hat den Begriff als Werbephrase aufgegriffen und preist damit ihre Waren an - selbst die absurd anmutente Formulierung der "nachhaltigen Kriegsführung" findet sich in den Dossiers einiger Rüstungsfirmen und so würde kürzlich ein Panzerfahrzeug mit Hybridmotor vorgestellt. Dies zeigt vor allem eines: Über die Definition des Begriffs herrscht einiges an Verwirrung.

Die Ringvorlesung der ASten der TU und der h_da startet den Versuch, sich dem Konzept zu nähern und stellt die Frage, was Nachhaltigkeit heute bedeuten kann. Neben einer Bestandsaufnahme, die aktuelle Probleme anspricht, soll aber auch die Kritik an bestehenden Konzepten von Nachhaltigkeit und ihren Ausprägungen Raum bekommen, um so eine Diskussion über die Begrifflichkeit anzuregen.

Termine (Beginn jeweils 18.30 Uhr, alle Veranstaltungen außer am 30.01.13 im 603qm):

  • 21.11.2012 - Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (Peter Euler)
    Peter Euler leitet die Ringvorlesung mit seinem Vortrag über Probleme und Möglichkeiten des Nachhaltigkeitsbegriffes ein und zeigt dabei auch das Potential auf, das eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Bildung zur Verwirklichung des Konzept haben kann. Peter Euler ist Professor der Pädagogik an der TU Darmstadt
  • 28.11.2012 - Was müssen wir bei uns und weltweit in der Wasserwirtschaft ändern? (Wolfgang Korthals)
    Herr Korthals referiert über erfolgreiche Strategien und Projekte nachhaltiger Wasserwirtschaft, aber auch über weltweite Versäumnisse und krasse Fehler der politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen auf einem Weg zu weltweiter, nachhaltiger Wasserwirtschaft. Er spricht über Virtuelles Wasser, fehlende Trinkwasserversorgung und Abwasserbehandlung, untaugliche Systeme zur Bewässerung im Lebensmittelanbau, über falsches Wasser-Management und fehlende Verantwortlichkeiten, die zu Armut, Hunger und Tod führen.
    Aber er zeigt auch auf, wie erfolgreiche Strategien umgesetzt werden könnten, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Verpflichtung zur Nachhaltigkeit umfassend verstehen würden.
    Herr Korthals war 30 Jahre in leitenden Positionen in der Trinkwasserversorgung in Bayern und Hessen tätig. In den letzten Jahren veranstaltete er mehrmonatige Weiterbildungsmaßnahmen im Auftrag von InWEnt (Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH) für junge Nachwuchsführungskräfte der Wasserwirtschaft, vorwiegend aus den MENA Staaten, den Ländern des Mittleren Ostens und Nordafrikas.
    Herr Korthals war auch in Workshops auf Einladung von InWEnt und GTZ im Jemen, in Bolivien und in Griechenland tätig, um mit den dortigen Behörden über Strukturverbesserungen im Integrierten Wasser Ressourcen Management (IWRM) zu beraten.
  • 05.12.2012 - Alles in den Kessel der Verwertung werfen – Warum die Wertlogik zur Vernichtung der Natur führt (Anselm Jappe)
    „Hat die sich anbahnende ökologische Katastrophe etwas mit dem Kapitalismus zu tun? Und wenn ja, beschränkt sich der Zusammenhang auf die „Profitgier“ und lässt er sich durch politische Steuerung verändern? Kann der Kapitalismus mit den natürlichen Lebensgrundlagen kompatibel gemacht werden in Form von „nachhaltiger Entwicklung“ oder „green economy“? Nichts ist weniger sicher. Hier soll ein anderer Ansatz vorgestellt werden: die auf Waren, Wert, abstrakter Arbeit und Geld beruhende Produktionsweise ist von ihrer inneren Logik her dazu verdammt, die ganze materielle Welt zu „verbrauchen“, um die Wertproduktion aufrechtzuerhalten. Der von Marx analysierte Doppelcharakter der Ware und der Arbeit – die gleichzeitig abstrakt und konkret sind – erklärt den Wachstumszwang des Kapitalismus und beweist, dass die ökologische Katastrophe nur durch einen radikalen Bruch mit der Arbeits- und Wertlogik vermieden werden kann“.
  • 12.12.2012 - Klimawandel - na endlich?  (Martin Huth)
    Sollten wir uns nicht auf den Klimawandel freuen? Ein paar Grad wärmer können ja nicht schaden. Martin Huth spricht über Ursachen und Folgen des Klimawandels und seine Konsequenzen auf unser Leben. Er zeigt die Vorteile einer schnellen und umfassenden Energiewende und wie wir uns daran beteiligen können.
    Dipl.-Ing. (FH) Martin Huth ist Sprecher der Themengruppe Klimaschutz der Lokalen Agenda 21.
  • 19.12.2012 - Ernährung und Nachhaltigkeit (Heiko Weber)
  • 09.01.2013 - Totalschaden - Zur politischen Ökonomie des Kfz (Klaus Gietinger)
    "Das Auto überfährt lakonisch die Fußgänger. Es frisst sich hinein in die Wand eines Schuppens, oder es rast schmunzelnd einen Abhang hinunter. Es ist an nichts schuld. ( … ) Es erfüllt nur seine Bestimmung: Es ist berufen, die Menschen auszurotten." (Ilja Ehrenburg, Das Leben der Autos, 1929)
    Die Transportwirtschaft und hier der Motorisierte Individualverkehr (MIV) zählt nach wie vor zu den größten und mächtigsten Ökonomien der Erde. Die BRD ist die drittgrößte Weltmacht des Kraftfahrzeugs (Kfz). Die politische Ökonomie des Kfz wird von zwei entscheidenden Faktoren geprägt.
    Einerseits lässt sich im Kapitalismus u a. nur akkumulieren indem die Warenströme beschleunigt und die Waren immer weiter um die Erde geschossen werden. Die Jagd nach Profit und Tauschwerten bedingt ein immer höheres Tempo und immer größere Weiten. So steigt die Transportweite von Gütern permanent. Ebenso zu nehmen die von Pkws zurückgelegten Kilometer, die PS-Zahlen, das Gewicht der Kfz und das Tempo auf den Autobahnen (hier insbesondere in Deutschland).
    Andrerseits ist der Mensch anfällig für Geschwindigkeit und Beschleunigung und lässt sich von diesem Rausch anstecken. Es entwickelt sich ein Tempovirus. Schnelle Bewegung wird zur Sucht. Wir haben es also einerseits mit einem mächtigen Drogenkartell aus Kfz-Industrie, Verkehrsverbänden, Regierungen, Verkehrsplanern, Provinzpolitikern, Autoparteien (alle Parteien sind Autoparteien), Medien und Pseudokritikern zu tun, andererseits mit massenhaft Infizierten, Süchtigen, Junkies, den gewöhnlich Motorisierten.
    Während sich das Auto anschickt die größte Massenvernichtungswaffe aller Zeiten zu werden, während jährlich mehr als 3 Millionen Menschen an den Folgen des Kfz-Verkehrs sterben, spricht die Politik von Energiewende, Elektromobilität und automatischen Fahrhilfen, Verkehrsleitsystemen, Verkehrserziehung und spritsparenden Fahrzeugen. Wobei das Gegenteil geschieht. Aufgebaut ist dies alles auf Unrechtsordnungen, wie der aus dem Faschismus stammenden StVO, die das Gewaltmonopol an den Kfz-Lenker (Eingebaute Vorfahrt, § 25 StVO) oder die Lenkerin abtritt und das Töten auf der Straße zum fahrlässigen Delikt, das meist nur Geldstrafen nach sich zieht, herunterstuft.
    Die Massen-Motorisierung der Erde lässt sich in drei Phasen einteilen und hat längst die Schwellenländer der so genannten Dritten Welt erreicht. Sie bedingt hier unfassbare Leichen- und Krüppelberge die sich in den nächsten Jahren noch verdoppeln werden. Bis 2030 werden weit über 200 Millionen Menschen dem Totschlag durch Kfz zum Opfer gefallen sein.
    Das Kfz ist die Speerspitze der Ausbeutung der Erde. Seine Bekämpfung kommt faktisch in keinem Klimaschutzprogramm vor. Tatsächliche Autokritiker werden als weltfremde Idioten dargestellt. Dabei wäre die Verteufelung des Kfz die erste Bürgerpflicht, kann sie aber nicht sein, da die meisten Menschen autosüchtig sind und sich im Hamsterrad des vom Drogenkartell und den Drogenbaronen des Transportwesens geschaffenen Welt bewegen.
    Utopien sind angebracht und müssen in ihrer Radikalität das Auto als Massenverkehrsmittel überflüssig machen. Dies erfordert mehr Demokratie und mehr Entschleunigung denn je. Die Zeit ist knapp.
  • 16.01.2013 - Zinskritik, Regionalgeld und Freiwirtschaft  - Silvio Gesell als Ausweg aus der Ökokrise? (Peter Bierl)
    In wirtschaftlichen Krisenzeiten finden allerlei skurrile Ideen Resonanz. Die Perspektive einer lokal oder regional beschränkten Ökonomie ohne spekulative Finanzgeschäfte mit fairen Preisen und Löhnen, eine Art gebremster Kleinkapitalismus, ist in der Linken, in der Umweltbewegung und unter Globalisierungskritikern verbreitet. Zu diesen Heilsbotschaften zählt auch die so genannte Freiwirtschaftslehre des Kaufmanns Silvio Gesell (1862-1930). Die Regionalgeld- und Tauschringe-Projekte basieren auf seinen Lehren. Am bekanntesten ist der Chiemgauer, eine Alternativ-Währung im Südosten Bayerns. Gruppen von Freiwirtschaftlern waren Mitgründer der Grünen und sind heute Mitgliedsverbände von Attac Deutschland. In Argentinien beteiligten sich zeitweise zehn Millionen Menschen an einem von Gesell inspirierten Tausch-Netz mit eigener Währung.
    Alle Übel dieser Welt führte Gesell darauf zurück, dass Geldbesitzer Geld horten um Zinsen zu erpressen. Er wollte darum „rostendes“ Geld, Freigeld oder Schwundgeld ausgeben, das in regelmäßigen Abständen an Wert verlöre, so dass es nicht lohnte, es zu horten. Geld ist aber weder wertbeständig noch wird es in nennenswertem Umfang zuhause unter der Matratze versteckt.
    Gesells Utopie war ein ungehemmter „Manchesterkapitalismus“, in dem Frauen als Gebärmaschinen und reiche Männer als Samenspender fungieren sollten. Das Erbgut der von ihm als minderwertig angesehenen Menschen würde im Lauf der Zeit ausgemerzt und eine „Hochzucht der Menschheit“ erreicht. Gesell wie Proudhon stellten den „ehrlichen“ Unternehmer gegen den „bösen“ Wucherer und Spekulanten, was die Nazis auf die Parole vom schaffenden gegen das raffende Kapital verdichteten, und bieten damit Anknüpfungspunkte für antisemitische und völkische Politik.
  • 23.01.2013 - Ökologie und Kapitalismus (Jutta Dittfurth)
    ACHTUNG! Der Vortrag fällt wegen Krankheit der Referentin aus. Es wird versucht, die Vorlesung zu einem späteren Zeitpuntk nachzuholen.
    Fast unbemerkt hat sich in der Bundesrepublik eine einflussreiche esoterische Bewegung herausgebildet. Eine gefährliche Entwicklung, wie Jutta Ditfurth in ihrem Buch belegt. Sie arbeitet die Überschneidungen mit ökofaschistischer Theorie und Praxis heraus und zeigt, welche Bedeutung die Esoterik für die Verbreitung von antidemokratischem und antiemanzipatorischem Denken hat.
    In der Bundesrepublik wächst eine einflussreiche esoterische Bewegung mit einer modernen biologisch orientierten Massenbasis zusammen. Jutta Ditfurth beschreibt, wie ein Bild des Menschen propagiert wird, in dem er 'kosmischer' Untertan oder 'Schädling' der Erde ist. Die Lage ist bedrohlich: Die Emanzipation und die soziale Gleichheit des Menschen sollen verhindert werden.
    Historisch ist die Esoterik - etwa als Germanenmystik und völkischer Okkultismus - eine Wurzel des Nationalsozialismus. Auch die heutigen Varianten vernebeln die Köpfe mit Irrationalismen, entpolitisieren die Menschen und bereiten sie auf eine autoritäre politische Entwicklung vor. Die Medien picken sich üblicherweise nur mal die eine oder andere skurrile Gruppe heraus, um sich über sie lustig zu machen. Aufklärung erfolgt kaum. Nicht über die vielen meditationsgeschädigten, schwer kontaktgestörten Menschen und schon gar nicht über den gefährlichen ideologischen Hintergrund dieser Bewegung.
  • 30.01.2013 - Nachhaltig in die Barbarei? - Zur historischen Genese und Kritik extrem rechter Ökologiekonzepte (Oliver Nüchter im Glaskasten h_da)
    Dass Nachhaltigkeit und Ökologie sich keinem exklusivem politischen Spektrum zuordnen lassen, dürfte mittlerweile als Gemeinplatz durchgehen. Wenn Nazis ökologische Themen aufgreifen und gemäß dem Motto „Umweltschutz ist Heimatschutz!“ den Schulterschluss mit Umweltinitiativen suchen, sich an Anti-Atom-Protesten beteiligen oder gegen Gentechnik mobil machen, sorgt dies dennoch vielerorts für Verwunderung. Ökologisches Engagement von Rechtsaußen wird meist als Trittbrettfahrerstrategie begriffen – eine Schlussfolgerung, der die Annahme zu Grunde liegt, dass zwischen extrem rechter Ideologie und Ökologie ein grundsätzlicher Widerspruch bestünde.
    Tatsächlich stellt Ökologie jedoch alles andere als einen Fremdkörper in der Gedankenwelt der extremen Rechten dar, sondern kann viel eher auf eine lange Tradition zurückblicken. Oliver Nüchter zeichnet in seinem Vortrag die historischen Traditionslinien einer völkisch-autoritären Ökologie nach. Hierbei wird deutlich, dass der Naturschutzgedanke in Deutschland eine lange Geschichte hat und auch konservative oder reaktionäre Elemente enthielt, die teilweise in gegenwärtigen Debatten durch den politischen Mainstream unbewusst aufgegriffen werden. Der Anknüpfungspunkt für extrem rechte und neonazistische Ideologie offenbart sich schließlich in der Forderung nach dem Vorrang „natürlicher“ vor gesellschaftlichen Regeln – eine Forderung die in letzter Konsequenz weg vom Humanismus, hinein in die Barbarei führt.
    Referenteninfo: Oliver Nüchter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Goethe Universität Frankfurt. Im vergangenen Jahr zählte er zu den Autoren des von der Heinrich Böll Stiftung herausgegebenen Sammelbandes "Braune Ökologen: Hintergründe und Strukturen am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns".