Ringvorlesung im Sommersemester 2013

Auch im Sommersemester 2013 gibt es wieder eine mit dem AStA der TUD gemeinschaftlich organisierte Ringvorlesung zu dem Thema "Religionskritik".

Sie findet immer mittwochs ab 18.30 Uhr statt.

Die Veranstaltungsorte:

Anmerkung: Die einzelnen Vorlesungen spiegeln nicht immer die Positionen der organisierenden ASten wider!

24.04.13: Der heilige Schein des Kapitals. Zur Metakritik der Religion und Religionskritik - Vortrag von Lars Quadfasel

Kritik der Religion hat es im Spätkapitalismus mit einem Paradox zu tun: Die Kirchen, einst Herrn über Könige und Kaiser, sind zum Hilfsinstitut für Seelenhygiene herabgestürzt. Ihre Dome wurden zu Touristenattraktionen, ihre Prediger zu Showmastern, ihr Papst zum österlichen Grußaugust. Und doch scheint Gott sich als sentimentales Andenken an frommere Tage pudelwohl zu fühlen. Widerlegt, erledigt und entmachtet, hat sich die Religion mit ihrem Sturz nicht bloß arrangiert, sondern daraus neue Kraft geschöpft. Während im Nahen Osten, in den Banlieues oder in Berlin-Neukölln die Verdammten dieser Erde statt fürs Menschenrecht für die Ehre des Propheten streiten, verzeichnen auch die christlich-kulturindustriellen Spektakel jährlich neue Zuschauerrekorde; und wer es statt der eingeborenen Kulte lieber etwas exotischer hat, jubelt einem abgesetzten tibetanischen Feudalherrn zu. Als Sinnressource für die besonderen Momente profitiert sie vom Tabu, dass niemand über die privaten Feierabendvergnügen anderer zu spotten hat: Woran einer glaube, und sei es an Djihad, Scharia und Frauenhass, verdiene allemal Respekt. Aus dem zwanghaften Drang, an irgend etwas zu glauben, spricht freilich nichs als der Wunsch nach einem Halt, egal woran: nach unbedingter Autorität. Adorno nannte derartige Pseudoreligiosität, die von Blasphemie kaum zu unterscheiden ist, den "ungeglaubten Glauben".

Dessen Bedeutung verfehlt die Mehrzahl derer, die lautstark gegen Kirchentage und Papstbesuche mobil machen. Antiklerikale Aktivisten inszenieren sich als militante Vorhut des allgemeinen Common Sense, und ihre intellektuellen Stichwortgeber, Christopher Hitchens oder Richard Dawkins, reduzieren in ihren Bestsellern Religion einmal mehr auf Priestertrug. Ihr Feldzug gegen religiöse Infamie erschöpft sich bloß darin, den Heiligen Schriften ihre wissenschaftliche Unhaltbarkeit vorzurechnen - ganz so, als wäre, wie noch zu Galileis Zeiten, die fehlende Einsicht in elementare physikalische Zusammenhänge die Ursache religiöser Verblendung und nicht etwa ihr Symptom. Indem sie das Denken auf Fakten, Fakten, Fakten verpflichten, bekämpfen sie jede Kritik als theologisch, welche die Verhältnisse transzendiert. Ihr Positivismus stößt sich an dem theologischen Dogma, dass das, was ist, nicht alles ist: an genau dem unbedingten Wahrheitsanspruch also, den der Materialismus zu retten hätte - vor ungläubigen Pfaffen wie vor gläubigen Atheisten.

Referenteninformation:

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek [http://studienbibliothek.org/] und der Gruppe Les Madeleines [http://lesmadeleines.wordpress.com/]. Er publiziert in konkret, Jungle World und diversen Sammelbänden, zuletzt "Horror als Alltag. Texte zu Buffy the Vampire Slayer" (Verbrecher Verlag). Seine Aufsatzreihe zur Kritik von Religion und Religionskritik, "Gottes Spektakel", ist in Extrablatt Nr. 4-6 erschienen.

8.05.13: Christliche Deutungen sozialer Ungleichheit. Zur Rolle religiöser Ideen - Vortrag & Diskussion mit Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty

Von Henri Desroche stammt die Aussage, dass man eine ganze Geschichte der »Religion als der Mutter der sozialen Resignation« schreiben könnte, aber mit gleichem Recht auch eine Geschichte der »Religion als der Mutter des sozialen Protestes«. Diese zutreffende Feststellung umschreibt das Thema des Vortrags. Er beschäftigt sich mit widerständigen und kulturell angepassten Strömungen und Bewegungen in der jüngeren Geschichte der christlichen Kirchen; ganz besonders nimmt er dabei deren Verhältnis zu sozialen Ungleichheiten in den Blick.

In einer stark von der Religionssoziologie Max Webers geprägten Perspektive geht der Vortrag auf »religiöse Ideen« ein, die für verschiedene christliche Kirchen und Gruppen in einer von sozialen Ungleichheiten geprägten Gesellschaft handlungsleitend waren und sind. Die vorgestellten Beispiele bewegen sich in einem Spektrum von der aktiven Parteinahme für entrechtete, besitzlose und diskriminierte Bevölkerungsgruppen (evangelikale Abolitionisten, befreiungstheologisch inspirierte Basisgemeinden, Laienbewegung Sant‘Egidio) bis hin zum Empowerment für erfolgsorientiertes Markthandeln (»gospel of prosperity« in Pfingstkirchen, Kongress christlicher Führungskräfte). Die Beispiele aus Geschichte und Gegenwart sollen zeigen, dass die kognitiven Gehalte religiöser Vorstellungen zu einem wesentlichen Teil erklären können, welche normative und praktische Haltung kirchliche Gemeinschaften sozialen Ungleichheiten gegenüber einnehmen. In Deutschland und Europa, so eine weiterführende These, sind die Kirchen heute indessen kaum noch zu eigenständigen ungleichheitsbezogenen Wirklichkeitsdeutungen durch spezifisch religiöse Semantiken in der Lage. Dieser Befund stellt den wesentlich von José Casanova und Jürgen Habermas geprägten Diskurs, der die Religionsgemeinschaften als Akteure der Zivilgesellschaft und als Instanzen der gesellschaftlichen Selbstreflexion sieht, in ein neues Licht.

Referenteninformation:

Ferdinand Sutterlüty ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Familien- und Jugendsoziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2010 leitet er unter anderem das Forschungsprojekt "Religiöse Ideen und soziales Handeln. Christliche Rechtfertigungsnarrative zwischen Gesellschaftskritik und Legitimitätsglauben" (http://www.ifs.uni-frankfurt.de/forschung/religioese%20Ideen/index.htm).

22.05.13: Feministische Kämpfe in der islamischen Welt - Vortrag von Hannah Wettig

Ist der islamische Gott ein Frauenhasser? Das behauptet jedenfalls die ägyptische Journalistin Mona Al Tahawy. Al Tahawy gehört einer neuen Generation von Feministinnen an, die sich nicht mehr scheuen, ihre Religion für die Diskriminierung von Frauen verantwortlich zu machen. Damit bestätigen sie westliche Deutungsmuster und fangen sich den Vorwurf des Orientalismus ein. Seit der Kolonialzeit haben Europäer den Islam als frauenfeindlich gegeißelt und damit unter anderem ihre kulturelle Mission als Kolonialherren begründet. Nicht nur wegen des Motivs scheint der westliche Vorwurf heuchlerisch.

Zwar hat Al Tahawy Recht, wenn sie dem Islam unterstellt, Frauen zu diskriminieren. Aber wie ihre Kollegin, die Libanesin Joumana Haddad, zeigt: Der christliche Gott ist nicht weniger frauenfeindlich. Haddad ist selbst Christin und stellt daher Passagen aus Bibel und Koran gegeneinander. Die Bibel schneidet nicht besser ab. Doch wie Al Tahawy und mit ihr viele junge Feministinnen feststellen, korrelieren muslimisch geprägte Kulturen mit einem hohen Maß an Frauendiskriminierung. Einiges davon hat auf den ersten Blick nichts mit Religion zu tun. Vieles ist allerdings auf islamische Gesetze und Rechtsprechung zurückzuführen. Der Islam ist in den meisten arabischen Ländern Staatsreligion und die Scharia Quelle der Gesetzgebung. Polygamie, Scheidungs- und Erbrecht schreibt die Scharia patriarchal fest. Auch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Frauen oder weibliche Genitalverstümmelung können aus den islamischen Schriften abgeleitet werden.

Seit Jahrzehnten wenden sich Feministinnen in muslimischen Ländern gegen frauenfeindliche Interpretationen des Islam. Viele haben Koran und Hadithen unter die Lupe genommen und gezeigt, dass die entsprechenden Stellen weit frauenfreundlicher interpretierbar sind. Seit dem arabischen Frühling stellen erstmals Feministinnen ihre Religion an sich in Frage. Sie benennen, was auf der Hand liegt: Die Jahrhunderte alten Regeln sind patriarchal – im Islam wie in anderen Religionen. Doch obwohl sie letztlich nur eine Binsenweisheit aussprechen, ernten sie wütende Kritik nicht nur in ihren eigenen Gesellschaften, sondern auch von Kulturverstehern im Westen.


Referentininformation:

Hannah Wettig schreibt als Journalistin seit 15 Jahren über die arabische Welt. Unter anderem arbeitete sie drei Jahre in Beirut für die libanesische Tageszeitung "Daily Star" und veröffentlichte das Buch "Aufbruch in Libanon - Auf dem Weg zur Zedernrevolution". Seit Beginn der arabischen Revolutionen hat sie die Revolutionsländer Ägypten, Libyen und Tunesien mehrfach bereist und auf zahlreichen Veranstaltungen unter anderem zur Rolle der Frauen in der arabischen Revolution gesprochen. Sie schreibt für verschiedene feministische Blogs und arbeitet zur Zeit als Blog- und Social Media-Redakteurin bei "Adopt a Revolution - den syrischen Frühling unterstützen". Sie hat Sozialwissenschaften und Arabistik studiert.

5.06.13: "Islamophobie" als politischer Kampfbegriff - Vortrag & Diskussion mit Luzie Kahlweiß

Der Begriff „Islamophobie“ ist in den letzten Jahren sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der journalistischen Diskussion weit verbreitet und stark diskutiert. Dabei wird er häufig in die Nähe von Kategorien wie Rassismus oder Antisemitismus gerückt und im Allgemeinen der Eindruck erweckt, es handele sich um ein verbreitetes bzw. zunehmendes gesellschaftliches Phänomen.

Dieser Befund wird im Vortrag näher analysiert und der Islamophobiebegrif einer konzeptionellen und empirischen Kritik unterzogen. Hierzu erläutert Luzie Kahlweiß zunächst die Genese des Begriffs und gängige Definitionen, um im nächsten Schritt argumentative Schwachstellen einer Reihe von Veröffentlichungen zum Thema aufzuzeigen. Hierbei wird deutlich, dass im Konzept „Islamophobie“ rassistische Forderungen, z.B. jene nach der Stoppung einer unterstellten „Islamisierung Europas“, mit berechtigen Fragestellungen, etwa jener nach der Vereinbarkeit der verschiedenen Formen islamischer Rechtssprechung mit dem Grundgesetz, vermengt werden.

Die Referentin kommt zu dem Schluss, dass die Unschärfe des Begriffs inhaltliche Diskussionen erschwert, was letztlich Rassisten und Islamisten gleichermaßen in die Hände spielt. Während sich erstere als Religionskritiker gerieren und es ihnen hierdurch gelingt an demokratische Diskurse anzuknüpfen, schotten sich letztere mit der Verwendung des Kampfbegriffs „Islamophobie“ effektiv gegen jede Kritik ab.

Referentininformation:

Luzie Kahlweiß ist Lehrbeauftragte am Institut für Politikwissenschaft der JLU Gießen. Ihr gemeinsam mit Samuel Salzborn verfasster Aufsatz „'Islamophobie' – Zur konzeptionellen und empirischen Fragwürdigkeit einer umstrittenen Kategorie“ ist vergangenes Jahr im Sammelband „Islamophobie und Antisemitismus – ein umstrittener Vergleich“ (Hrsg.: Botsch, Gideon et al.; Verlag Walter de Gruyter) erschienen.

19.06.13: Der Aberglaube des Positivismus - Vortrag & Diskussion mit Jörg Huber

Wesentliches Ziel der Aufklärung war, allen Arten von metaphysischem Dogmatismus den Boden zu entziehen. Damit zielte sie zuerst auf die Religion, um deren scheinbar göttlicher Ordnung die Legitimation zu bestreiten. Sie konfrontierte religiöse und metaphyische Postulate mit für prinzipiell jeden nachvollziehbaren Erfahrungen, die ihnen nicht entsprachen. Der objektive Widerspruch diente ihr also als negatives Kriterium von Wahrheit.

Zugleich setzte die neuzeitliche Wissenschaft die Empirie als alleinige Quelle jeder Art von Erkenntnis durch. Objektive Wahrheit soll zuvörderst aus dem Prinzip der direkten Beobachtung entstehen und die gemessenen Fakten dann erlauben, das Wesen der Welt in Theorien zu erfassen. Die Wissenschaft bringt auf diese Art und Weise jedoch nicht nur Fortschritt für Wissen und Technologie. Stephen Hawking verbreitet als Prophet der neueren Kosmologie ein irrationales Welterklärungsmodell und ideologische Prognosen über die Zukunft der Menschheit im All.

Der Aberglaube, die Menschen könnten das Universum erobern oder bald Aliens treffen, kann sich mit Unterstützung der Wissenschaft gegen jede Evidenz halten. Die Statistik behauptet aus jeder beliebigen Ansammlung von Daten Erkenntnisse gewinnen zu können, obwohl sie damit wie im Falle ökonomischer Prognosen offenkundig und regelmäßig kläglich scheitert. Aktuell treffen die Methoden des Data mining auf das gigantische Datenaufkommen der Internetnutzung. Big data ist nicht nur ein El Dorado der Werbebranche, die Wissenschaft phantasiert wieder einmal von der vollständigen Information über das Weltgeschehen und seiner politischen Steuerung.

Referenteninformation:

Jörg Huber (Physiker) publiziert in der Zeitschrift Bahamas und der Zeitung Jungle World. Seine Beiträge finden sich auch auf seiner Webseite joerghuber.net.

3.07.13: Religiosität heute - Illusionsbildung oder postsäkulare Vernunft? Sozialpsychologische Überlegungen - Vortrag & Diskussion mit Prof. Dr. Hans-Joachim Busch (Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt am Main)

Der Vortrag folgt der Unterscheidung von Religion und Religiosität, wie sie vor allem in der Religionssoziologie gang und gäbe ist. Er widmet sich in sozialpsychologischer Perspektive der Frage nach dem Kern und der Funktion von Religiosität – auch und gerade für den Menschen in der spätmodernen Gesellschaft. In der Gegenwart zeichnet sich eine Rückbesinnung auf Religion und Religiosität ab, die sich von der Zuversicht eines auf vollkommene Säkularisierung setzenden Zeitalters gelöst hat. Schienen noch Freuds sozialpsychologische Argumente die Aufgabe religiöser Vorstellungen und Haltungen unausweichlich zu machen, so wird derzeit von maßgeblichen Denkern der Fortschritt globaler gesellschaftlicher Rationalität wieder mit den Ressourcen des Glaubens in Verbindung gebracht. Es wird zu zeigen versucht, worin die Substanz solcher "religiöser Musikalität" (Habermas) besteht und was der Beitrag derartiger Bedürfnisse und Lebensentwürfe zu einer postsäkularen Vernunft sein kann.

17.07.13: Is there Anybody Out There?" – Zur ethischen und sozialen Funktion von Religion im postsäkularen Zeitalter Vortrag & Diskussion mit Dr. Geert Hendrich (Institut für Philosophie an der TU Darmstadt)

Über die "Rückkehr der Religion" in die säkulare Gesellschaft – Dr. Geert Hendrich

Eigentlich sollte Religion kein Problem mehr sein: der säkulare Rechtsstaat garantiert die Glaubensfreiheit seiner Bürger, und zugleich finden alle normativen Ansprüche der Religion ihre Grenze im Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen und in der Bekenntnisneutralität des Staates. Aber ganz so einfach ist es nicht, wie die Rede von der „Rückkehr der Religion“ zeigt. Weltweit setzt nicht nur eine Rückkehr zu den Bekenntnisreligionen ein, sondern auch innerhalb der modernen Gesellschaften scheinen immer mehr Menschen Halt, Orientierung und Identität mit religiösen Vorstellungen zu verbinden. Dabei fällt allerdings auf, dass „Religion haben“ etwas anderes ist als "religiös sein". Ihren individuellen Bedürfnissen folgend, bedienen sich die Menschen am Buffet religiöser Inhalte: eine große Portion Wellness, ein Klacks Esoterik und noch eine Prise Gemeinschaftserlebnis im Fußballstadion – oder auf dem letzten Kirchentag... Religiosität scheint zu einer Ware geworden zu sein, die weniger eine umfassende Weltinterpretation und damit auch eine eindeutige Positionierung des Gläubigen zur Welt bedeutet, sondern die Defizite einer als sinnentleert, unübersichtlich und unbeeinflussbar gewordenen modernen Lebenswelt ausgleichen soll. Selbst die machtvolle „Rückkehr der Religionen“ in Gestalt des (christlichen oder islamischen) Fundamentalismus erweist sich bei genauer Analyse als ein Krisensymptom unserer Moderne. Haben jene recht, die darin Anzeichen für das Scheitern der Säkularisierung sehen, ja für das Scheitern der am autonomen Subjekt orientierten Moderne überhaupt? Und selbst bei säkularen Denkern mehren sich die Stimmen, die einer Rückkehr der normativen Ansprüche der Religionen in den pluralistischen Gesellschaften das Wort reden.

Der Vortrag möchte sich kritisch mit der angeblichen „Rückkehr der Religion“ und mit der im Gefolge auftretenden Fundamentalkritik an der Moderne auseinandersetzen.